Ein Schuss, eine Fensterscheibe splittert, das Projektil verfehlt sein Ziel nur knapp, prallt von der Wand ab und bleibt lange unauffindbar. Es klingt wie ein Sonntagabend-Krimi, was Nils Oskamp in unserer erzählt. Unsere Schülerinnen und Schüler der 9ten Klassen sitzen still im Zuschauerraum und hören gebannt zu. Ein Zustand, über den sich Lehrerinnen und Lehrer nicht immer freuen dürfen. Doch Oskamp hat die Jugendlichen mit seiner autobiographischen Geschichte in seinen Bann gezogen. Er erzählt ausgehend von seinem Buch „Drei Steine“ eine dramatische Episode aus seinem Leben. Durch Soundeffekte und die Leinwand, auf der die Illustrationen aus seiner Graphic Novel zu sehen sind, wird die Geschichte lebendig, obwohl sie mittlerweile schon etwa 40 Jahre her ist.
Der Hamburger Illustrator war dank der Unterstützung der Amadeu Antonio Stiftung am Dienstag und Mittwoch an unserer Schule zu Gast. Am Dienstag präsentierte er in einer interaktiven Lesung den Schülerinnen und Schülern seine Graphic Novel und am Mittwoch leitete er einen Workshop in der Klasse 9d, in dem sich die Jugendlichen mit der Geschichte der jüdischen Familie Leffmann aus Kleve auseinandersetzten. Es war die schlüssige Fortsetzung des Vortages, an dem Oskamp in der Aula von seinem Leben als Jugendlicher in Dortmund-Dorstfeld erzählt hatte. Dort war er in den 80er-Jahren als Schüler Opfer Rechter Gewalt geworden und hatte sogar um sein Leben fürchten müssen. Seine persönliche Geschichte verband er dabei immer wieder mit Ausführungen zu den historischen Ereignissen rund um den Nationalsozialismus. So wurde die Verknüpfung zwischen den schrecklichen Verbrechen dieser Zeit, den konkreten Folgen für Oskamp und den Herausforderungen und Gefahren unserer Gegenwart deutlich. Gleichzeitig war sein Besuch ein eindrücklicher Aufruf an alle Zuhörer für Toleranz und Respekt und für den mutigen und lauten Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung.
Am darauffolgenden Tag nahm die Klasse 9d an einem Workshop zur Erinnerungskultur teil. Die Schülerinnen und Schüler hatten sich im Vorfeld mit den Stolpersteinen der Familie Leffmann beschäftigt. Das Klever Stadtarchiv hatte Nils Oskamp im Vorfeld mit historischen Fotos und biographischen Informationen über die Familie versorgt. Diese verarbeiteten die Schülerinnen und Schüler im Workshop zu Scrapbooks und einem Video, die auf einfühlsame Weise das Schicksal der Familie nachvollziehen lassen. „So kommt man den Menschen und ihrem Schicksal ganz nah“, zeigt sich sichtlich ergriffen die Schülerin Elmedina Winzer. Besonders das Schicksal der Eltern und der fünfjährigen Tochter, die aus Kleve deportiert und im September 1941 im Vernichtungslager Chelmno vergast wurden, macht die Jugendlichen betroffen. „Wir werden die Ergebnisse des Workshops in der Schule ausstellen und so sichtbar für die Schulgemeinschaft machen“, erklärt Klassenlehrer und Organisator Benedikt Ketelaer.



